Skin Picking (Dermatillomanie)

Ich muss gestehen, dass dieses Thema gerade eines meiner aktuellsten ist und ich sehr daran arbeite.

Du fragst dich, was Skin Picking ist?

Bis vor ein paar Monaten habe ich noch genau die gleiche Frage gestellt. Ich hatte nie zuvor von diesem Begriff (bzw. den beiden Begriffen) gehört. Auch, dass ich daran leide undzwar schon seit ca. 10 Jahren, wusste ich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ich bin durch Instagram eher zufällig darauf gestoßen, als ich den Begriff bei jemandem in einer Story gelesen hatte. Es war ein Beitrag verlinkt, den ich mich einfach interessehalber ansah. Und dann passierte es.. Mit einem Schlag habe ich mich zu 100% angesprochen gefühlt und ich war mir so sicher endlich das fehlende Puzzleteil, das ich seit Jahren verzweifelt gesucht habe, gefunden zu haben. Ich war mir selten zuvor bei einer Sache so sicher gewesen.

Was ist Skin Picking?

Skin Picking (Dermatillomanie) beschreibt eine Handlung, die dazu führt, dass die eigene Haut nicht in Ruhe gelassen werden kann, bzw. man selbst die Kontrolle darüber verliert. Dabei kann es verschiedene Auswirkungen geben:

  • es werden Krusten und Narben immer wieder aufgekratzt
  • Unreinheiten und Pickel im Gesicht, Dekolleté etc. werden bearbeitet
  • an den Lippen wird herum gebissen
  • es wird an der Haut an den Fingern geknibbelt

Die Haut wird also ständig bearbeitet, wobei dies mit den Fingern, Zähnen oder Hilfsmitteln wie Pinzetten etc. erfolgen kann. Medizinisch gesehen wird das Skin Picking als eine Impulskontrollstörung, und damit auch als eigenständige psychische Erkrankung angesehen. Es wird mit einer Zwangsstörung zu vergleichen.

Es treten zwei verschiedene Formen des Skin Picking auf

  • unbewusste Handlungen z.B. während dem Telefonieren oder Fernsehen
  • bewusste Handlungen z.B. in Form von “Spiegel-Sessions”, die bis zu mehreren Stunden dauern kann

Die Betroffenen erleben das Skin Picking in einer Art Trance oder machen es derart unbewusst, dass es ihnen selbst gar nicht mehr auffällt. Während der “Bearbeitung der Haut” wird ein Gefühl der Befriedigung und Erleichterung empfunden. Schnell kann dieses jedoch von Reue, Schuldgefühlen oder Scham abgelöst werden. Für viele ist das Skin Picking eine Art Ventil, über das z.B. negative oder aufgestaute Gefühle oder Stress verarbeitet werden können.

Je nachdem, wie stark der Körper betroffen ist und wie viel die Außenwelt davon mitbekommt, wirkt sich dies zusätzlich auf die Psyche und den Umgang mit seinen Mitmenschen aus. Sind z.B. “nur” die Füße betroffen, so können diese gerade im Winter gut versteckt werden und keine Menschenseele würde jemals etwas vermuten. Leidet jedoch z.B. das Gesicht darunter, so wird dies deutlich schwieriger. Mithilfe von Make-up lässt sich vor allem für Frauen viel kaschieren, doch spätestens bei Übernachtungen oder Ausflügen wird auch das schwierig.

Auch das Privatleben z.b. mit einem Partner oder einer Partnerinn sowie das Arbeitsumfeld können darunter leiden.

Was sagen Ärtze dazu?

Der Satz “Dann hör doch einfach auf damit!” ist vielen Betroffenen vermutlich bekannt. Wenn es doch nur so einfach wäre..

Was wäre, wenn man einer Person, die einen sogenannten “Putzfimmel” hat auch einfach sagen würde: “Nun hör doch einfach auf damit!” Könnte diese Person ihr Verhalten einfach so ablegen? Die Antwort ist ein klares NEIN!

Das Skin Picking ist oft ein schleichender Prozess, der sich nach und nach verankert. Ebenso schleichend kann der Prozess auch nur beendet werden und dies erfordert viel Geduld und vor allem zunächst die Einsicht des Betroffenen.

Um das Skin Picking von anderen Erkrankungen zu unterscheiden, wird der Fokus auf das wiederholte Bearbeiten der Haut gelegt, das zu Verletzungen, Narben oder starken Einschränkungen der Lebensqualität führt. Jedoch ist Skin Pickung – oder in der Fachsprache Dermatillomanie – noch nicht sehr bekannt und es kann daher fehldiagnostiziert werden.

Seit einigen Jahren erst wurde das Skin Picking Disorder in den internationalen ICD-10 Katalog mit aufgenommen und als psychische Störung anerkannt. Dadurch und auch durch soziale Medien wie Instagram und Facebook wird diese Erkrankung immer bekannter und kann besser behandelt werden.

(Quelle: https://www.apotheken-umschau.de/Psyche/Skin-Picking-Zwanghaftes-Zupfen-an-der-Haut-460871.html)

Meine Erfahrung

Ich möchte im Folgenden kurz meine Situation erklären und was ich derzeit dagegen unternehme.

Während meiner Jugend habe ich irgendwann festgestellt, dass meine Haut (vor allem im Gesicht) deutlich schlechter war, als die meiner Mitschüler und Freundinnen. Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist, was ich falsch mache und wie ich es wieder los werden kann. Doch ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich fühlte mich hässlich, abstoßend und alleine mit dem Problem. Das Thema war allerdings auch so unangenehm, dass ich mit keinem darüber sprach. Immerhin wusste ich damals noch nicht von Dermatillomanie und war der Meinung, dass ich selbst daran Schuld bin.

Ich war sehr verzweifelt und jahrelang auf der Flucht. Ich verglich mich mit anderen, egal ob ich sie kannte oder nicht und schämte mich furchtbar für mein Aussehen und wünschte, ich wäre unsichtbar. Da ich auch mit Schminke noch nicht viel Erfahrung hatte, machte dies das Problem meistens nicht wirklich besser, man sah es trotzdem – zumindest war ich mich selbst da sehr sicher. Ich habe mich sozial sehr isoliert, habe nur Freundinnen um mich gehabt, denen das Aussehen und Schminken nicht so wichtig war.

Während meines Studiums wurde es nicht wirklich besser. Eine meiner Lieblingssportarten – dem Schwimmen – konnte ich nicht mehr nach gehen.. Ich traute mich einfach nicht mich ungeschminkt zu zeigen. Niemandem. Wenn ich bei Freundinnen übernachtete huschte ich gleich morgens so schnell wie möglich ins Bad um noch etwas zu retten, bevor das Licht anging.

Seinen Höhepunkt erreichte es, als ich auch meinen Lieblingssport, das Tanzen, absagte, da ich Angst hatte zu Schwitzen und mein Gesicht zu zeigen. Ich hatte Angst, schämte mich und wusste einfach nicht damit umzugehen. Ich dachte, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der mit diesem Übel leben muss.

Während eines Klinikaufenthaltes konnte ich es eines Tages dann nicht mehr mit mir herum tragen – ich hatte es meiner Therapeutin erzählt. Ich habe viel geweint und konnte kaum noch aufhören, da ich meine jahrelang errichtete Mauer ein kleines Stückchen eingebrochen habe. Es dauerte auch dann noch über ein Jahr, bis ich es Freundinnen und über 1 1/2 Jahre, bis ich es meiner Familie gesagt habe.

Was mich zu diesen Schritten ermutigt hatte, waren zwei Sachen.

  1. habe ich Instagram für mich entdeckt und folg(t)e Leuten, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen hatten wie ich. Ich merkte, dass ich nicht alleine war und dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt
  2. Als ich auf den Begriff des Skin Pickings gestoßen bin, machte es bei mir Klick, da ich endlich einen Namen dafür hatte

Ich tat mich auf einmal leichter es zu akzeptieren, da ich nun wusste, dass ich nicht Schuld daran war, sondern dass es eine psychische Erkrankung war. Mithilfe dieser “Diagnose” konnte ich auch vor Freunde und Familie (zumindest einen Teil davon) treten, denn ich hatte jetzt etwas, an dem ich konkret arbeiten konnte.

Tipps und Tricks

Da das Skin Picking ein Thema ist, das mich selbst noch sehr beschäftigt und ich daher noch einen perfekten Ausweg gefunden habe, möchte ich hier jedoch schon mal ein paar Tipps teilen, die ich bisher gesammelt und teilweise auch angewandt habe:

  • Spiegel abhängen / Licht dimmen

Gerade für Betroffene, die das Gesicht gezielt bearbeiten, wird immer wieder emfophlen die Spiegel abzuhängen oder das Licht im Bad zu dimmen. Somit soll der Reiz, die Haut bearbeiten zu müssen, verringert werden. Kleine Unreinheiten sollen so auch nicht mehr bis zu 5fach vergrößert oder stark beleuchtet werden können.

Ich selbst habe das nie ausprobiert und habe es auch nicht vor. Ich sehe diese Taktik ähnlich wie die eines Kleinkindes: Du stellst ihm einen Eisbecher hin aber sagst, es darf diesen auf keinen Fall essen. Wenn meine Spiegel abgehängt sind wäre ich nur noch paranoider und würde wissen wollen, ob ich heute beruhigt das Haus verlassen kann. Ich möchte daher lieber an der Ursache arbeiten.

  • Hygiene und Hautpflege

Ein sehr wichtiger Punkt, auch aus meiner Sicht, ist die Hygiene der Haut. Regelmäßiges Händewaschen, Abschminken etc. gehört hier genauso dazu wie das häufige wechseln von Handtüchern und Kopfkissenbezügen. Ich habe mir daher kleine Handtücher gekauft, die ich ausschließlich für das Gesicht verwende, um keine unnötigen Keime in mein Gesicht zu bringen.

Ebenso ist es wichtig sich jeden Abend abzuschminken und der Haut zumindest über Nacht eine Pause zu gönnen. Verschiedene Pflegeprodukte können zusätzlich helfen, z.B. Retinol, Aqua-Cremes etc.

  • Ablenkung

Eine Taktik, die übrigens bei vielen anderen Symptomen auch funktioniert ist das Ablenken vor allem der Hände. Varianten wie Hände weit weg vom Körper strecken, Häkeln oder auf die Hände drauf setzten sind nur einige Beispiele. Es geht darum dem Impuls, jetzt an seine Haut zu müssen, zu widerstehen bzw. sich selbst gezielt davon abzulenken. Welche Methode dabei für Dich am besten funktioniert, musst du ausprobieren.

  • Auslöser identifizieren

Um nicht nur die Symptome, sondern eher die Ursache des Skin Pickings zu bekämpfen, ist es wichtig diese zu erkunden. Nicht immer ist sofort klar, was dahinter steckt. Es gibt z.B. die hormonbedingte Akne, die nach dem Absetzten der Pille auftreten kann. Hier benötigt die Haut einfach einen gewissen Zeitraum, um sich wieder zu erhohlen. Es kann auch eine Lebensmittelunverträglichkeit dahinter stecken. Oder aber Auslöser wie Stress, Trauer oder Wut. Es ist nicht immer einfach seine Ursache zu finden und kann z.B. mit Hilfe eines Spezialisten oder Therapeuten unterstützt werden.

  • Akzeptanz

Dies ist der schwerste Schritt – meiner Meinung nach. Betroffene leiden oft an fehlendem Selbstvertrauen, Selbstliebe und Selbstakzeptanz. In der heutigen Gesellschaft geht es viel um das Äußere, weshalb eine unreine Haut oder Narben sofort als “Fehler” abgestempelt werden. Wichtig ist jedoch – Du bist schön, so wie du bist! Du bist nicht deine Haut! Deine Haut macht nicht deinen Charakter aus!

Diese Sätze muss ich mir auch immer wieder sagen. Denn diese Akzeptanz führt unterbewusst dazu, dass ich aus einer Mücke keinen Elefanten mehr mache bzw. aus einer kleinen Unreinheit ein riesen Drama.

Wenn du dich an den genannten Methoden probierst und deine Sorge mit einer Person, egal ob nahestehend oder extern, teilst, gehst du bereits einen großen Schritt nach vorn.

Da sich über dieses Thema gefühlt endlos schreiben lässt, möchte ich es heute dabei belassen und in einem seperaten Kapitel auch über das Thema Rückschläge und Selbstliebe eingehen.

Selbsthilfegruppe

Um mich nicht alleine mit dem Thema beschäftigen zu müssen, bin ich auf die Selbsthilfegruppe Skin Picking Köln gestoßen. Durch Corona finden die Treppen immer montags online statt.

Hier tauschen sich Betroffene des Skin Pickung und auch der Trichotillomanie (Haare auszupfen) zusammen mit einer Moderatorin untereinander aus.

Diese Selbsthilfegruppe war eine der ersten deutschlandweit und wächst stetig. Ich selbst bin sehr froh, diese Gruppe gefunden zu haben.

Weitere Informationen findest du unter:

https://www.skin-picking.de/

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