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Es ist okay sich Hilfe zu holen

Für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist es unglaublich schwer sich Hilfe zu holen. Das liegt einerseits daran, dass man sich lange vormacht es auch alleine schaffen zu können, zu stolz ist oder Angst hat.

Für mich hat “sich Hilfe holen” die gleiche Bedeutung wie “meine Schwäche zugeben”. Es zeigt mir, dass ich “versagt” habe und es nicht alleine schaffen kann. Es widerstrebt meinem Streben nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Einer meiner Glaubenssätze war: “Ich muss alles alleine schaffen” bzw. “Ich darf keine Schwäche zeigen und Hilfe annehmen”. Doch stimmt das wirklich? Ist Hilfe von anderen wirklich mit dem eigenen Versagen verbunden?

Heute kann ich sagen: Nein!

Es widerspricht sich bei mir vor allem auch darin, dass ich jemand bin, der anderen immer und in jeder Situation helfen möchte. Würde das dann nicht umgekehrt bedeuten, dass die anderen mir jedes Mal ihre Schwäche zeigen? Doch so ist es nicht. Hilfe annehmen und Hilfe bieten beruht auf (zwischenmenschlichen) Beziehungen. Einem Familienmitglied hilft man gerne und umgekehrt ist das genauso. Das Gleiche gilt für Freunde. Es ist ein Geben und ein Nehmen.

Lange Zeit habe ich immer nur gegeben.. die Waage war somit in jeder Beziehung unausgeglichen. Ich war mir immer sicher, dass andere meine Hilfe wollen und sie gerne annehmen. Doch meine Therapeutin sagte mir einmal: “Was ist, wenn deine Freunde auch mal gerne Dir helfen möchten? Was ist, wenn es sie traurig macht, weil sie Dir nie helfen dürfen bzw. du es nicht annimmst?”. Das hat mich (bis heute) sehr zum denken angestoßen.

Wenn ich doch so gerne helfen, vielleicht wollen es die anderen auch? Ich dachte immer, es ist was Gutes, alles alleine zu schaffen und sich nie Unterstützung zu holen. Dass es ein Zeichen von Stärke ist. Doch heute kann ich sagen: Sich Hilfe zu holen ist auch ein Zeichen von Stärke und schadet weder mir noch meinem Gegenüber. Ganz im Gegenteil! Wenn mein Gegenüber gerne hilft und mir dadurch eine Last abgenommen wird – ist uns dann nicht beiden geholfen?

Was also spricht dagegen? Es sind einzig und allein meine Glaubenssätze, von denen ich denke, dass sie gut für mich sind, weil sie schon immer so da waren. Die oben genannten sind dabei besonders präsent. Ich möchte anderen Leuten nicht zur Last fallen. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen und ich möchte anderen nicht meines auch noch aufladen. Das zumindest sind meine Gedanken. Doch inzwischen weiß ich, dass mein Päckchen manchmal sogar kleiner wird, wenn ich einen teil davon abgebe und mit jemandem teile bzw. mir Unterstützung hole. Solange es nicht so endet, dass ich nur noch Hilfe hole und anderen keine mehr gebe, ist doch alles in Ordnung.

Und um genau den Punkt geht es auch im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten. Es ist ein Schritt, diese zu erkennen, aber es ist ein noch viel größerer an diesen arbeiten zu wollen – und das geht in den meisten Fällen nur mit Hilfe z.B. eines Therapeuten. Wenn man es ganz rational betrachtet entsteht folgendes Bild:

Da ist jemand, dessen Beruf(-ung) es ist, anderen zu helfen und ich bin jemand, der genau dessen Hilfe braucht. Warum sollte ich sie also nicht annehmen?

So rational betrachtet klingt die ganze Sache ganz einfach. Doch in Wirklichkeit ist es deutlich schwieriger. Gerade wenn es um psychische oder sehr persönliche Erfahrungen oder Probleme geht, erzählt man nicht dem nächst Stehenden gleich alles auf einmal. Es muss passen, denn nur dann kann man sich seinem Gegenüber auch komplett öffnen.

Ich hatte inzwischen ein paar Therapeut*innen und mal macht ich mehr Fortschritte und mal weniger. Es ist ein bisschen wie mit Lehrer*innen an der Schule: Wenn du einen Lehrer besonders magst, macht dir das Fach mehr Spaß und du bist motivierter. Ähnlich verhält es sich in Therapiestunden: Wenn die Chemie mit dem Therapeuten passt, dann fällt es leichter sich ganz zu öffnen. (In dem Punkt spreche ich definitiv aus Erfahrung!)

Es ist also völlig in Ordnung sich (externe) Hilfe zu holen. Du wirst Dir später dafür dankbar sein, diesen Schritt gegangen zu sein. Natürlich kannst du auch versuchen alles alleine zu schaffen, aber wie der Satz schon sagst.. du bist mit deinen Probleme “alleine”. Macht es nicht viel mehr Sinn den Weg mit jemandem zusammen zu gehen? Vielleicht jemand, der dir ab und zu den richtigen Weg weist? Gehen an sich musst du zwar immer noch selbst, und das sollst du auch. Aber ein Wegweiser in die richtige Richtung hat noch keinem geschadet.

Da es nicht immer einfach ist eine passende Anlaufstelle zu finden, möchte ich in meinem nächsten Blog auf das Thema der Therapie an sich, sowie dem Unterschied von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern eingehen. Bleib also gespannt und schaue regelmäßig vorbei 🙂

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