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Die erste Therapiesitzung

Nach (vermutlich) einer längeren Wartezeit ist es irgendwann soweit – die erste Therpiesitzung findet statt. Doch wie läuft sie ab? Was muss ich alles erzählen? Was ist, wenn mir mein Gegenüber nicht taugt?

All diese Fragen sind berechtigt und hatte ich auch. Das ist völlig normal. Immerhin erzählt man nicht jeden Tag einer komplett fremden Person seine innersten und unangenehmsten Geheimnisse und Gefühle. Oftmals weiß sogar ein Therapeut oder eine Therapeutin mehr über einen, als die eigene Familie oder Freunde. Bei mir war das zumindest so..

In den letzten vier Jahren hatte ich insgesamt sechs solcher Erstgespräche. Das liegt daran, dass ich in verschiedenen Kliniken war und auch außerhalb einmal meine Therapeutin gewechselt habe. Ich kenne das Prozedere also inzwischen (man muss fast sagen leider) ziemlich gut.

Sympathiepunkte sammeln

Ich unterstütze die Theorie, dass wir Menschen unbewusst schon nach einigen Sekunden darüber entschieden, ob einem eine Person sympathisch ist oder nicht. Und Sympathie spielt in einer Therapie eine sehr wichtige Rolle! Denn nur wenn ich meinem Gegenüber vertraue kann mich vollkommen öffnen und somit meine Probleme beheben. Andernfalls halte ich (wichtige) Informationen zurück. Auch das habe ich schon gemacht.. Zu dem Zeitpunkt war es für mich Selbstschutz, da ich nicht wollte, dass diese Person mit mir darüber spricht. Im Nachhinein weiß ich allerdings, dass mich dies im Fortschritt meiner Therapie behindert hat.

Begrüßung und Formelles

Nach dem ersten Händeschütteln (oder zu Corona-Zeiten eher nur ein Zunicken) werde ich zu einem Platz, meistens ein bequemer Stuhl oder Sessel geführt. Mein zukünftiger “Seelenklempner” nimmt mir gegenüber Platz. Oft müssen erst noch formelle Sachen geklärt werden, wie persönliche Daten, Schweigepflich etc. Alleine das nimmt einen großen Teil der ersten Sitzung ein, je nachdem inwieweit Daten schon vom überweisenden Hausarzt vorliegen oder nicht.

“Wie geht es Ihnen und warum sind Sie hier?”

Meistens folgt dann die Frage: “Wie geht es Ihnen denn?” Nun ja.. Alleine bei dieser Frage musste ich schon immer genau überlegen, was ich antworten sollt. Die Wahrheit? Oder doch lieber erstmal vorsichtig heran tasten? Ich kann nur eines raten: Ehrlich sein! Denn nur dann, kann sich dein Gegenüber auf dich einstellen und dir helfen.

Mein Therapeut bzw. meine Therapeutin wollte dann erstmal wissen, warum ich denn hier sei, welche Beschwerden ich habe etc. Es erinnert an einen Besuch beim Hausarzt, nur dass hier seelische statt körperliche Beschwerden genannt werden. In meiner ersten Sitzung war ich mir bei dieser Frage noch sehr unsicher. Aber ich erzählte immer genau das, was ich zuvor auch meinem Hausarzt erzählt hatte. Auch hier gilt – Ehrlich sein! In den folgenden Erstgesprächen fiel es mir dann schon deutlich leichter auf diese Frage zu antworten, da ich bereits Diagnosen hatte und mich mit mir selbst und meine Problemchen mehr beschäftigt hatte.

Fragebögen

In den meisten ersten Sitzungen habe ich dann auch einige Fragebögen zum Ausfüllen mitbekommen. Anhand dieser kann sich der Therapeut oder die Therapeutin ein ersten Bild von dir machen, ohne bereits 4 Stunden miteinander gesprochen zu haben. Da die ersten fünf Sitzungen bei einem Therapeuten ganz unverbindlich und eine sogenannte “Test-Phase” beiderseits sind, finde ich diese Fragebögen ganz sinnvoll.

Anfangs war ich etwas überfordert, da manche echt ins Schwarze treffen. In manchen Kategorien ist es schwer zwischen einem Ist-Zustand oder einem Zustand, der letzten Wochen zu wählen, da diese ja durchaus verschieden sein können. Auch hier sollten die Fragen wahrheitsgemäß beantwortet werden, da es sonst zu Fehldiagnosen oder späteren Unstimmigkeiten kommen kann.

Erwartungen

Manche Therapeuten haben noch nach den Erwartungen oder Wünschen, die ich habe, gefragt und sie wurden zusammen besprochen und diskutiert.

Anfangs sind die Erwartungen vielleicht nicht konkret in Worte zu fassen, da sie warscheinlich einfach nur wie folgt lauten: “Ich möchte wieder gesund sein”. Je mehr ich mich allerdings mit mir selbst beschäftigt hatte, umso konkreter konnte ich auch meine (realistischen) Ziele formulieren und daraufhin arbeiten.

Denn “gesund sein” ist ein sehr breit gefächerter Begriff. Was bedeutet es, gesund zu sein? Jeder definiert dies anders und dementsprechend ist es wichtiger konkrete, individuelle Ziele bzw. Erwartungen zu formulieren. Meine waren bzw. sind z.B. “Ich möchte meine Kopfschmerzen in den Griff bekommen” oder “Ich möchte ohne Angst unter fremde Leute gehen können”. Diese Sachen tragen indirekt dazu bei, dass ich mich “gesünder” fühle.

Abschied

Nach meistens 45 min ist das Ganze dann auch schon wieder vorbei. Gerade die erste Sitzung vergeht – aufgrund der formellen Sachen – sehr schnell.

Wichtig ist, dir nach diesem Gespräch alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Kann ich mir vorstellen mit diesem Therapeuten/mit dieser Therapeutin in Zukunft zu arbeiten? Habe ich mich wohl gefühlt? Habe ich mich verstanden gefühlt?

Dies sind wichtige Kriterien, die darüber entscheiden, ob du die Sitzungen fortführen oder doch lieber jemand anderen suchen möchtest. Natürlich kannst du dir die Fragen in den kommenden vier Sitzungen auch noch einmal stellen. Schließlich ist die erste Sitzung immer etwas Besonderes und Neues.

Grundsätzlich gilt: Du musst dich nicht verstellen! Die Person dir gegenüber will dir helfen und es gibt keinerlei Gründe, warum du dich für dich schämen müsstes. Eine Therapie ist ein Ort, an dem Vertrauen und Offenheit am Wichtigsten und am Notwendigsten sind.

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